BIBLISCH-THEOLOGISCHE STREIFLICHTER ZUM THEMA „ZINSEN“
Im Alten Testament:
Zinsverzicht als solidarische Aktion am Notleidenden
2. Mose 22, 24 – 26:
Wenn du einem Armen aus meinem Volk Geld leihst, verhalte dich ihm gegenüber nicht wie ein Wucherer. Verlange keine Zinsen von ihm!Falls du von einem anderen Israeliten das Obergewand zum Pfand nimmst, so gib es vor Sonnenuntergang wieder zurück. Denn sein Obergewand ist das Einzige, womit er sich warm halten kann. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er sich bei mir über dich beklagt, werde ich ihn hören; denn ich bin barmherzig.«
3. Mose 25, 35 ff: 'Wenn dein Bruder, ein anderer Israelit neben dir, verarmt ist und seinen ganzen Besitz verloren hat, dann hilf ihm! Sorge dafür, dass er wie ein Fremder oder ein Fremdarbeiter unter euch sein Leben fristen kann. Fordere keine Zinsen von ihm, wenn du ihm Geld leihst, und verlange die Nahrungsmittel, mit denen du ihm aushilfst, nicht mit einem Aufschlag zurück. Nehmt meine Weisungen ernst und sorgt dafür, dass euer Bruder neben euch leben kann. Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägypten geführt hat, um euch das Land Kanaan zu geben und euer Gott zu sein.
5. Mose 23, 20 f:
Wenn du einem anderen Israeliten, deinem Bruder, Geld oder Getreide oder sonst etwas leihst, darfst du dafür keinen Zins erheben. Von einem Ausländer kannst du Zins nehmen, aber nicht von einem Israeliten. Wenn du das beachtest, wird der HERR dein Tun segnen und dir alles gelingen lassen in dem Land, das ihr jetzt in Besitz nehmen werdet.
Der Zinsverzicht ist eingebettet in die Regelungen des Erlassjahres und des Halljahres
5. Mose 15, 1ff:
Immer wenn sieben Jahre vergangen sind, müsst ihr alle Schulden erlassen. Dafür gelten folgende Bestimmungen: Wer einem anderen Israeliten Geld geliehen hat, muss ihm jetzt die Schulden erlassen. Er darf sie von seinem Bruder, dem anderen Israeliten, nicht mehr eintreiben. Denn man hat zu Ehren des HERRN einen Schuldenerlass ausgerufen. Von einem Ausländer könnt ihr Schulden eintreiben, aber nicht von einem, der zu eurem eigenen Volk gehört und deshalb euer Bruder ist. Wenn ihr auf den HERRN, euren Gott, hört und alle seine Weisungen befolgt, die ich euch verkünde, wird es jedoch überhaupt keine Armen unter euch geben. Denn dann wird der HERR euch genug zum Leben schenken in dem Land, das er euch gibt. Er wird sein Versprechen halten und euer Land segnen.
3. Mose 25,10+13+23:
Das 50.Jahr muss für euch als ein Jahr gelten, das mir gehört. Es ist das Erlassjahr, in dem eine allgemeine Wiederherstellung erfolgt. Jeder Israelit, der seinen erblichen Landbesitz verpfändet hat, bekommt ihn wieder zurück, und wer sich einem anderen Israeliten als Sklaven verkauft hat, darf zu seiner Sippe zurückkehren. Im Erlassjahr soll jeder seinen Besitz an Grund und Boden zurückerhalten.
Besitz an Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, weil das Land nicht euer, sondern mein Eigentum ist. Ihr lebt bei mir wie Fremde oder Gäste, denen das Land nur zur Nutzung überlassen ist.
Zinsverzicht als Tun der Gerechtigkeit
Ez 18,5+8+9:
„ Nehmt den Fall eines Menschen, der stets das Rechte tut und sich nichts zuschulden kommen lässt:... Er nimmt keinen Zins, wenn er Geld ausleiht.... Mit einem Wort: Er gehorcht meinen Geboten und tut, was recht ist. Ein solcher Mensch hat keine Schuld, er soll am Leben bleiben. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott.
Ez 22, 9+12:
„...Die schlimmsten Untaten werden in deiner Mitte verübt,... Geld wird gegen Zinsen verliehen und die Notlage der Armen wird schamlos zum eigenen Vorteil ausgenutzt. Mich aber habt ihr vergessen, den HERRN, den mächtigen Gott...“
PSALM15:
„HERR, wer darf in deinen Tempel kommen? Wen lässt du weilen auf dem heiligen Berg? Nur Menschen, die in allem dem HERRN gehorchen,...für ausgeliehenes Geld verlangen sie keine Zinsen.... . Ein Mensch, der sich daran hält, steht für immer auf sicherem Grund.
Zinsverzicht als Kritik an der Habgier
Habakuk 2,6b:
„Wehe um den, der vermehrt, was nicht sein ist – wie lange? –, und einem schwere Pfandschuld auflegt! Werden sich nicht plötzlich deine Zinszahler erheben, und erwachen, die dich bedrängen, und du wirst ihnen zur Beute?“
Zinsen für die Wohlfahrt???
Spr 28,8:
Wer sein Vermögen durch Zins und Zuschlag mehrt, sammelt für einen, der sich der Geringen erbarmt.
Prediger 5,9:
Wer am Geld hängt, bekommt nie genug davon. Wer Reichtum liebt, will immer noch mehr. Auch hier gilt: Alles vergeblich!
Im Neuen Testament:
Zinsverbot des AT wird vorausgesetzt und radikalisiert:
Lukas 6: 34: Warum erwartet ihr von Gott eine Belohnung, wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr wisst, dass sie es euch zurückgeben werden? Ausleihen, um es auf Heller und Pfennig zurückzubekommen, das tun auch die Sünder gegenüber ihresgleichen! Nein, eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten! Dann bekommt ihr reichen Lohn: Ihr werdet zu Kindern des Höchsten. Denn auch er ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.«
Christusnachfolge und Gewinnstreben sind unvereinbar
Matthäus6,24:
Niemand kann zwei Herren zugleich dienen. Er wird den einen vernachlässigen und den andern bevorzugen. Er wird dem einen treu sein und den andern hintergehen. Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und dem Geld. (Mammon)
(Keine) Zinskritik im Gleichnis vom anvertrautem Geld?
Matthäus 25, 14-30 und Lukas 19,12-27: Gleichnis vom anvertrautem Geld („anvertrauten Pfunden“)
... Da sagte der Herr zu ihm: 'Du unzuverlässiger und fauler Diener! Du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nichts ausgeteilt habe? Dann hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank bringen sollen, und ich hätte es mit Zinsen zurückbekommen! Nehmt ihm sein Teil weg und gebt es dem, der die zehn Zentner hat!...
Kirchengeschichte
Von Anfang an galt das Zinsverbot! Die alten Kirchenväter, Synoden und Konzilien haben es immer wieder bekräftigt und Zuwiderhandlungen mit Androhung von Exkommunion und Verweigerung kirchlicher Bestattung bestraft. Es galt, was Papst Leo I (5. Jhd) sagte: „Fenus pecuniae funus est animae“ (Des Geldes Zinsgewinn ist der Seele Tod)
Karl der Grosse dehnt das Zinsverbot um 800 auf die weltliche Rechtsprechung aus.
Seit der Reformation gibt es im evangelischen Bereich Differenzierungen: Luther war gegen den Wucher, Zwingli billigt Staat das Recht zu, Zinsfuß festzusetzen, Calvin erlaubt Zinsen, wenn sie der brüderlichen Liebe nicht entgegenstehen. Seine Einstellung förderte den Kapitalismus in England und Amerika. Die katholische Kirche hält am Zinsverbot bis 1870 fest.
Aktuelle Diskussion
Am 30.10.2009 hat der „Initiativkreis 9,5“ (NeunKommaFünf), bestehend aus 2 Theologen und zwei Wirtschaftswissenschaftler, an der Frankfurter Pauluskriche einen Aufruf an alle Christen unter folgendem Titel veröffentlicht
9,5 Thesen gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem
Aus Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit und im Bestreben, sie an den Tag zu bringen, und angesichts der inzwischen offenbar gewordenen Krise unseres globalen Finanz- und Wirtschaftssystems soll unter Christenmenschen über folgende Sätze diskutiert werden:
I. Da unser Herr und Freund Jesus Christus spricht: „Ihr sollt leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein etc.“ (Lukas 6,35), wollte er, dass Christen keine Zinsen nehmen.
II. Dieses Wort steht im Einklang mit Gottes Gebot an Israel: „Du sollst von deinem Bruder und deiner Schwester nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann“ (Deuteronomium 23,20). Das Gebot des Zinsverzichts ist gemeinsam mit dem Erlassjahrgebot das Grundgebot der biblischen Ökonomie, die eine solidarische ist. Gott setzt unserer Gier eine heilsame Grenze.
III. Zins und Zinseszins lassen Geldvermögen wachsen und setzen die Wirtschaft unter permanenten Wachstumszwang. Die Vermögenszuwächse der einen müssen von den anderen erwirtschaftet werden. Armut und Reichtum nehmen durch den Zins gleichermaßen zu. Zinswachstum ist exponentielles Wachstum, das zwangsläufig zur Entstehung und zum Platzen von spekulativen Blasen führt.
IV. Das zinsgestützte Geldsystem wirkt wie ein unentrinnbarer Zwang, wie eine dämonische Macht. Es heißt aber: „Heute sollst du erkennen und dir zu Herzen nehmen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst.“ (Deuteronomium 4,39) Und Jesus Christus sagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24).
V. Epochen einer zinsfreien Wirtschaft waren Zeiten gelungener gesellschaftlicher Reichtumsverteilung und kultureller Blüte. Zeiten unter dem Zinssystem führten zur wirtschaftlichen Dynamik, zugleich aber zur Auseinanderentwicklung von arm und reich und zur strukturellen Sünde gegen Mensch und Natur.
VI. Es ist folglich nicht recht, dass Christen und Kirchen Zinsen nehmen oder zahlen.
VII. Es ist an der Zeit, dass Christen Alternativen zum gegenwärtigen zinsgestützten Geldsystem entwickeln. Dabei sehen wir sachlich begründete Kooperationsmöglichkeiten mit kritischen Wirtschaftswissenschaftlern sowie mit dem Judentum, dem Islam und anderen Religionen.
VIII. Konzepte für Geldsysteme ohne Vermögenszins liegen vor. Bereits heute können Christen Alternativen praktizieren – von der Vergabe zinsfreier Darlehen im persönlichen Umfeld und innerhalb von Kirchengemeinden, über zinsfreie Geldanlagen christlicher Banken, der Beteiligung an zinsüberwindenden Regionalwährungen bis hin zur Schaffung einer eigenen zinsfreien Währung im kirchlichen Raum.
IX. Geld ohne Vermögenszins löst nicht alle Probleme der Menschheit, aber ohne Überwindung des Wachstumszwangs kann keines der großen Probleme auf unserer begrenzten Erde gelöst werden.
IX,5 Wir rufen alle, die an diesem Projekt mitwirken wollen, dazu auf, unter www.9komma5thesen.de ihre Bereitschaft zu bekunden. Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes erfahrbar wird (vgl. Römerbrief 8,21). Wir wollen Gottes heilsames Gebot heute erfüllen, zur Ehre Gottes und für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Ralf Becker - Gudula Frieling - Heiko Kastner - Thomas Ruster Oktober 2009
Für den Kirchenkreistag in Scharnebck, 26.11.2010 Stephan Lackner